Wie Econonmiesuisse die Linke beim Mindestlohn mit ihren eigenen Waffen schlug

16 Mai 14
Andreas Freimüller

Heute Sonntag wurde die Mindestlohninitiative vom Souverän mit 76,3 % klar abgelehnt. Der Transparenz zuliebe lege ich offen, dass auch ich dagegen gestimmt habe, die liberale Seele in meiner Brust hat die Sozialdemokratische überstimmt.
Aber dieser Beitrag dreht sich nicht um individuelles Abstimmungsverhalten. Er dreht sich um die Unfähigkeit der progressiven Kräfte in der Schweiz, sich die modernesten Mittel und Methoden der Kampagnenführung zu Nutze zu machen. 

Heute Sonntag wurde die Mindestlohninitiative vom Souverän mit 76,3 % klar abgelehnt. Der Transparenz zuliebe lege ich offen, dass auch ich dagegen gestimmt habe, die liberale Seele in meiner Brust hat die Sozialdemokratische überstimmt.

Die Kampagne von Economiesuisse setzte als erste politische Kraft in der Schweiz auf Software wie sie auch von Obama genutzt wurde: Blue State Digital

Aber dieser Beitrag dreht sich nicht um individuelles Abstimmungsverhalten. Er dreht sich um die Unfähigkeit der progressiven Kräfte in der Schweiz, sich die modernsten Mittel und Methoden der Kampagnenführung zu Nutze zu machen. 

Was vor 10 Jahren in den USA begann

Ein Blick zurück: In Amerika wurde die Online-Kommunikation im politischen Betrieb vor ziemlich genau 10 Jahren erstmals relevant, Howard Dean hatte damals als erster verstärkt auf das Internet als Kommunikationskanal gesetzt.

Was dann folgte war ein wahrhaft epochaler Wandel: die progressiven Kräfte in den USA machten sich ihre eigene Technologieaffinität aber auch die der tendenziell progressiven Tech-Firmen zu Nutze, und es kam zu zwei Wahlsiegen der Demokraten in Folge. Die Bedeutung des Internets für Mittelbeschaffung und Mobilisierung war immens. Allein mit Kleinspenden hat Barack Obama 2008 mehrere hundert Millionen Dollar eingenommen. Das hat ihn zum finanziell stärkeren Bewerber gemacht. Das hat ihn schlussendlich auch zum Sieger gemacht. Für Mittelbeschaffung und Mobilisierung sind Daten und Datenbanken zentral. Beratungsfirmen, die in der Lage waren, in politischen Kampagnen Kontaktdaten zu gewinnen und sinnvoll zu Nutzen, haben dadurch massiv an Bedeutung gewonnen. 

Warum ich über all das schreibe?

In den USA hat die schnelle Adaption von neuen Technologien den Progressiven die Wende gebracht. Was ist in Europa, in der Schweiz passiert? Relativ wenig. Die Mittel und Möglichkeiten aus den USA wurden wenig beachtet und noch weniger eingesetzt. Einerseits mit Aussagen wie "in den USA ist alles ganz anders" aber wohl auch aus einer gewissen Unlust, die eigene Arbeit und Kommunikation nennenswert zu verändern. Bis heute hat keine politische Kraft der Linken etwas Vergleichbares wie in der Obama-Kampagne eingesetzt. Zugegeben, auch die konservativen Kräfte in der Schweiz sind nicht gerade früh aufgewacht: Zwar hat die SVP sich relativ früh bewegt und in neue Technologien investiert. Aber heute, nach der Ablehnung der Mindestlohninitiative muss ich mit Schrecken feststellen, dass sogar der Supertanker Economiesuisse die fortschrittlichen Kräfte in der Schweiz links liegen gelassen hat. Als erste Politorganisation hat Economiesuisse Kampagnensoftware der neuesten Generation in einem Abstimmungskampf eingesetzt. Wie man sieht, durchaus mit Erfolg. Ironischerweise sind es dieselben Tools, die 2008 Barack Obama ins Weisse Haus gebracht haben. Dieser Ersteinsatz von moderner Kommunikationstechnologie ist erst der Anfang, je mehr Kampagnen damit geführt werden, desto besser und länger werden die dahinterliegenden Kontaktlisten sein. Entsprechend steigt der Einfluss.

Nicht von Economiesuisse abgehängt werden

Heute müssen sich deshalb linke und grüne Gruppierungen und Parteien fragen, ob sie der Economiesuisse die Hoheit auf dem Gebiet der Online-Kommunikation und Massenmobilisierung kampflos überlassen wollen. Wenn sie dies tun, dann wird dafür auch ein Preis zu entrichten sein: Der Verlust der Chance, auf einem Gebiet zu punkten, wo Linke traditionell eigentlich die Nase vorne hatten.

Fabian Molina hat Recht: Teure Plakate statt Mobilisierung führen nicht zum Ziel

 

Big Data ist nicht nur für die Migros wichtig

Die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende. Wo heute Email-Adressen die harte Währung in der Kommunikation sind, ist es morgen das Wissen darüber, wie und wo diese Menschen in Social Media-Kanälen aktiv sind. Für Handelskonzerne wie die Migros ist Big Data ist kein Zauberwort mehr. Sie macht das mit Migros Cumulus schon seit vielen Jahren erfolgreich. Big Data wäre aber auch die Chance für Non-Profits, ihre eigenen Mittel dort einzusetzen, wo sie am meisten Nutzen erzeugen: Zum Beispiel indem die aktivsten Influencer (BeeinflusserInnen) auch präferiert behandelt und mit Informationen beliefert werden. All diese Mittel sind heute schon da, nur machen die allermeisten Parteien und NGOs noch einen weiten Bogen darum. Unter anderem, weil ihre bestehenden Datenbanken nicht für diese neue Art von Daten gerüstet sind oder weil die existierenden Schnittstellen für eine effektive Anbindung nicht genügen. Statt der progressiven Kräfte war es nun die Economiesuisse, die sich diesen Schwierigkeiten als erste gestellt, den Sprung ins Neue gewagt und sich damit einen Vorsprung gegenüber ihren traditionellen Gegnern gesichert hat. Dieser Vorsprung darf jetzt nicht noch grösser werden, die linken Kräfte müssen besser werden und lernen,  wie man online Daten gewinnen und sie analysieren und nutzen kann, um bei der nächsten Kampagne das Feld der erfolgreichen Online-Mobilisierung nicht noch einmal kampflos der Economiesuisse zu überlassen.

Ein Vergleich für Lösungen für Online-Mobilisierung  und Kampagnenführung wurde hier von Anbietern und anderen Quellen zusammengetragen.

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