Neues aus der Fundraising-Küche: Bericht von der IFC

So schlägt der Puls der Fundraising-Welt: An der Internationalen Fundraising Konferenz in Holland vom 15-18.10.2013 wurde der Ruf nach einem neuen Berufsbild laut und ein Guru stellte den Fundraising-Slang in Frage. Und Kampaweb überraschte mit einer bisher europaweit unbekannten Spendemöglichkeit. 
 
Von Andreas Freimüller
 
 
Beeindruckende Dimensionen hat sie, diese globale Fundraising-Konferenz (IFC), vor allem für Erstbesucher wie mich: über 1000 TeilnehmerInnen aus aller Herren und Frauen Länder finden sich hier zusammen, um sich über die Do's und Dont's des Fundraising auszutauschen. Zum Glück landete ich bereits beim ersten Morgenkaffee am Tisch von Ex-Greenpeace-Kollege Daryl Upsall. Der verdiente Fundraiser war tatsächlich zum 27. Mal ohne Unterbruch an der IFC. Nicht umsonst gilt er als einer der bestvernetzten Fachpersonen überhaupt und hat mir gleich geholfen, mich besser an diesem Mega-Anlass zurechtzufinden.
 
Neben Referaten von bekannten Fundraising-Grössen wie Tony Elischer, Alan Clayton oder Bill Toliver standen vielfältige Vorträge und Workshops auf dem Programm. Beispiele aus anderen Ländern und Kontinenten inspirieren immer wieder die eigene Gestaltungskraft. Und was anderswo erfolgreich ausprobiert wurde, verdient alleweil eine genauere Betrachtung für den heimischen Spendenmarkt.
 
Mobiles Spenden
Interessantes zum Thema Mobiles Spenden habe ich aus dem Vereinigten Königreich gelernt. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ablehnung von Direct Debit-Spenden bei den Zielgruppen haben führende Agenturen in England nach Alternativen gesucht. Sie wurden bei der SMS-Spende fündig. Allerdings nicht einfach so. Zunächst wurde mit monatlichen Abbuchungen auf der Mobiltelefonrechnung experimentiert. Dies war aber wenig erfolgreich, insbesondere aufgrund der regulatorischen Pflicht, dass mit einem Stop-SMS die Wiederholungsspenden leicht widerrufen werden konnten. Von dieser Möglichkeit wurde denn auch eifrig gebraucht gemacht. Die Engländer begegneten diesem Problem dann mit einem cleveren Kniff: Skip statt Stop! Durch die Einführung des Befehls „Skip“ konnten SpenderInnen neu mit der Message Skip" eine Monatsspende einfach auslassen. Die Ergebnisse der SMS-Spendenkampagnen haben sich durch diese einfache Veränderung massiv verbessert. Allerdings mussten sich die beteiligten Agenturen und NGOs während 18 Monaten um Bewilligungen der regulierenden Behörde bemühen – zunächst ging es um die Erlaubnis zum Testen der „Skip“-Funktion und anschliessend um die Bewilligung für den Einsatz derselben. 
Dass solche Veränderungen in England durchsetzbar waren, lässt auch für die Schweiz Hoffnung aufkommen. Die SMS-Spende ist hierzulande mehr tot als lebendig, mit einer Kampagne zugunsten sinnvoller SMS-Wiederholungsspenden könnte sich das aber mittelfristig ändern lassen.
 
Dekonstruktion von Fundraising-Terminologien
Der oben erwähnte Tony Elischer, ein unglaublich eloquenter Präsentator, hat in seiner 90-minütigen, in freier Rede gehaltenen Präsentation keinen Fundraising-Stein auf dem anderen gelassen. Sein Referat „Reinventing fundraising now and for the future“ widmete sich vor allem der Dekonstruktion der liebevoll aufgebauten und gepflegten Fundraising-Terminologie. Die Diskussion um ROI (return on investment), Attrition (Rate, mit der SpenderInnen verloren gehen), und vieler anderer Begriffe aus dem Fundraising-Jargon, so monierte Elischer, verdecke worum es eigentlich gehe. 
Viel zu viel Zeit und Eifer würde darauf verwendet, Kennzahlen zu errechnen und dann mit Fundraising-Speak um sich zu werfen. Spannende Aussagen waren das allemal, insbesondere an einem Ort, wo Agenturen an Messeständen mit genau diesen heftig kritisierten Begriffen hausierten. Spannend auch, weil Branchengrössen wie Elischer wohl massgeblich an der Etablierung des zahlentechnisch geprägten Fundraisings und des zugehörigen Jargons beteiligt war. Insofern war seine Präsentation wohl auch ein kritischer Rückblick auf das eigene Schaffen. Und gleichzeitig der Versuch, die Beziehung zum Spendenden und die Möglichkeiten für dauerhaftes Engagement wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Hier sind zum Glück durch die Entwicklungen in der digitalen Welt viele neue Möglichkeiten entstanden, die es Menschen erlauben sich zu beteiligen ohne sich dabei nur als Milchkuh für Spendenorganisationen zu fühlen.
 
Konvergenz von Fundraising und Kampagnenkommunikation
Campaigner-Kollege Bernhard Drumel (www.supportingchange.org) und ich waren uns in der Diskussion einig: Die Silos in denen Programm- und Fundraising-Menschen hausen und denken sind nach wie vor bei weitem nicht durchlässig genug. Gerade mit der wachsenden Bedeutung der Online-Kommunikation wird es immer wichtiger, dass sich der individuelle Beitrag an eine Kampagne nicht nur in pekuniären Gaben manifestiert. Die Motivation zum Mitmachen und Unterstützen wächst vor allem dadurch, dass es heute dank den Möglichkeiten der digitalen Revolution viel leichter ist als auch schon, Teil einer Kampagne zu werden. Diese Revolution wird unseres Erachtens noch nicht gut genug durch eine intensivere Art der Zusammenarbeit genutzt. Die herkömmliche Trennung zwischen CampaignerInnen und FundraiserInnen müsste eigentlich mit der Zeit hinfällig werden. Unsere Vision sieht eher so aus, dass das Berufsbild des „Change Makers“ mit verschiedenen Kompetenzen abgerundet werden kann, also eher inhaltlich oder eben für die Mittelbeschaffung. Wir haben das Thema für kommende Tagungen bei der Leitung der IFC-Konferenz deponiert, in der Hoffnung, dass es an künftigen Konferenzen auch Raum und spannende Streams für inhaltlich arbeitende NGO-Profis geben wird. Wir werden Sie über das Gedeihen dieser Initiative auf dem Laufenden halten.
 
Mobiles Spenden mit NFC
Eine Neuheit, die ich selber ans IFC mitbrachte, ist die mobile Spende mit Hilfe von NFC (near field communication). Es hat mich selber überrascht, dass auch die TeilnehmerInnen aus England oder Übersee noch nie etwas ähnliches gesehen hatten, als ich ihnen das Aufrufen von mobilen Spendenseiten durch NFC-Aufkleber vorführte. Diese neue Art zu spenden stellt andere Methoden wie SMS-Spende oder Aufrufen von Spendenseiten mit QR-Codes betreffend Einfachheit und Schnelligkeit in den Schatten. Natürlich freut uns das Interesse an den Dienstleistungen unseres neuen Unternehmens twingle GmbH sehr. Agenturen aus dem mobiltelefonverrückten Spanien haben mich flugs nach Madrid eingeladen, um die neue Technologie besser kennen zu lernen. Eine Schweizer Organisation hat für die Teilnahme am NFC-Pilotprojekt schon zugesagt.
 
Erste Informationen über unser NFC-Angebot können Sie hier lesen. Bei Interesse an twingle können Sie mich gerne kontaktieren.